verbotene Briefe 5 - 2020

Sorge-

rechtapartheid



Die zwischen Vätern und Kindern praktizierte Apartheid,

stellt wohl das größte Skandalon unserer wohlständigen Gesellschaft dar. (Raoul Schrott)

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verbotene Briefe 5

(von Januar bis September 2020)


Für die einen nur unbedeutende Geschichten eines alten weißen Mannes,

sind die "verbotenen" Briefe an meine Tochter Lisa ein Beitrag zur Identitätsfindung und

für mich ein Mittel im Kampf gegen meine Auslöschung als Vater.

  ...auch in diesem Jahr gilt:

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Collage erstellt mit Pixabay.de

Februar 2020

noch 7

Hallo Lisa !


Klär´mich auf!


Verspätet wie meist, Bilder wie üblich Ausschuss und die Informationen so dürftig wie möglich, ist Deine Mutter formal ihrer Auskunftspflicht gemäß § 1686 BGB nachgekommen.


Ich fasse mit meinen Worten zusammen:
Nachweislos wird ein schulischer Halbjahresaufenthalt von Sommer `19 bis Winter `20 irgendwo in Frankreich vorgetragen. Zeugnisse und ähnliches gibt es nicht. Ob und was Du gelernt hast ist nicht belegt.
Jetzt wiederholst Du das bereits im Juni 2019 abgeschlossene 2.Schulhalbjahr der 11.Klasse "um Anschluss zu finden" und dann das Abitur anzustreben.
Als alter weiser Mann, der keine Kenntnis vom hiesigen Schulsystem hat, sehe ich die Situation so:
a.) ein Lebensjahr bildungsmässig "verschludert";
b.) de facto bist Du sitzengeblieben, obwohl dieses Wort heutigenstags ideologisch verfemt ist und wurdest im Ausland, mit unzureichenden Sprachkenntnissen, geparkt;
c.)Deine Mutter hat ein halbes Jahr von mir Betreuungsunterhalt erhalten, ohne Dich zu betreuen;
d.)ich werde veralbert.


Lisa,
ich würde es als hilfreich ansehen, wenn Du bald mit mir Kontakt aufnimmst, weil Deine Mutter im September den Unterhaltstitel für Dich an mich zurück gibt und wir, d.h.: Du und ich, Künftiges ohne anwaltliche Mietmäuler regeln können.


Ich grüße Dich und mahne erneut Deine Verantwortung an.

Bis bald und:
Empfehlen kann ich Dir mein E-Book "Auslöschung". Seit dem 12.Februar ist es auch als Taschenbuch bei Amazon erhältlich. Grundlage der Essaysammlung ist "unser" Fall der Vater-Kind-Entfremdung. Auf Wunsch kann ich Dir ein Autorenbuch übergeben.


Viele Grüße

                                                    Dein Papa Bolle

Quelle Illustration :https://pixabay.com/de/

Januar 2020

noch 8

Aus dem Spanischen soll es kommen.

Das Sprichwort: Es gibt kein Übel, das nicht auch Gutes bringt.

So will ich 'mal das Gute suchen, sehen und beurteilen.

Was brachte die uns aufgezwungene verbrecherische Trennung, auch mit Blick auf die Zukunft, Positives ?

Ich wurde genötigt das verbotene gesprochene Wort für Dich schriftlich, und außerhalb postalischer Briefzustellung, darzustellen. Nicht flüchtig wie "Schall und Rauch", sondern mit Kraft und Verbindlichkeit bleibend.

Geschriebenes hervorzubringen ist eine Kunst und so werde ich Dich am Ende des heutigen Briefes auch fordern. Okay, Lisa?! Wieviel Papa steckt wohl in Dir ?


Hallo, liebe Lisa !


Beim ersten Mal, ich war fünfzehn, tat es weh und blieb unvollendet. Verschollen in den unendlichen Weiten meiner Dessauer Jugend zwischen Muld-und Elbauen beklage ich bis heute den Verlust meines ersten Manuskripts mit bereits 50 fertiggestellten Seiten.

Perdu. Forever. Ein Glück für die literarisch interessierte Menschheit ?!


Beim zweiten Mal, 61 Jahre später, begleitete Schmerz die Fertigstellung.

"AUSLÖSCHUNG".

Kein Roman. Ein Sachbuch, eine Essay-Sammlung.


Beim dritten Mal wird es von Anbeginn entspannter, mit lesenswerten Gehirnjogging, ein Bestseller für die ganze Familie im Stil einer Chronik `a la "Dolles Familienalbum".

Alle guten Dinge sind drei???

Dann werde ich endlich wissen, ob ich es kann.

Endlich Belletristik.

Erzählen, Schreiben, Fesseln, Begeistern, Unterhalten.


In meinen frühen Jahren als Schulzwerg habe ich mich von den Heften für Schönschreibübungen genauso schnell getrennt wie als Kita-Knirps in Baumwollwindeln von dümmlich-bunten Bilderbüchern, egal ob auf Plastik oder Pappe gedruckt.

Als ich Lesen und Schreiben lernte blühte ich auf.

Mein Entwicklungssprung verlief nicht von dem der kleinen Raupe zum niedlich-pummeligen, grüngelben Bücherwurm mit Brille, nein, meine Metamorphose war die zur riesigen, nimmersatten Schmökerratte mit der Fähigkeit zum Querlesen.

Mit dem Verschlingen immer umfangreicherer, nicht altersgerechter Bücher ging sodann auch der mutige Versuch einher es den Schriftstellern von Kipling bis Dostojewski, von Scott bis Twain, von Beecher Stowe über Scholochow zu Welskopf-Henrich, u.v.v.a. gleichzutun. Selbstunterschätzung war mir fremd.

Mein Kolbenschulfüller Heiko bekam es zu spüren.

Sein Schaftende war stets angeknabbert. Den Füllern mit Tintenpatronen erging es nicht besser und mit dem frühzeitigen Wechsel von der Feder zur Kugel, zum Kugelschreiber massakrierte ich mir schlussendlich die Handschrift vollends.

Ich versuchte dem entgegenzuwirken und besuchte, vom eigenen Taschengeld finanziert, mehrere Monate einen abendlichen Stenografiekurs und lernte (nebenbei) die Sütterlinschrift.

Schönschreibexperte wurde ich dennoch nicht. Stattdessen mischte ich nun Normalschrift mit Stenofragmenten und machte alles schlimmer. Es entstand ein Hieroglyphenbildgemisch krasser als die Sprachenver(w)irrtheit die die Bezeichnung Kanak Sprak trägt.

Meine Lehrer jammerten, meine Eltern meckerten, ich war (fast) todunglücklich, während sich meine Lieblingsgroßmutter freute, weil meine Schrift einzig in Sütterlin vernünftig aussah und ich Oma Else Karten und Briefe in der verbotenen Schrift schickte.

Allein meine "Sauklaue" hätte eine Ernennung zum Doktor gerechtfertigt. Mit meiner Schrift hätte es nicht mal einer plagiierten Doktorarbeit bedurft um den akademischen Grad mit Hut und summa cum laude zu erlangen.

Aber ich wollte ja nicht Doktor werden und so pinselte ich meine halbwüchsigen Geschichten, teils nur für mich wieder verwert(sprich:les-)bar, weiter auf die Papyri.

Just zu diesem Zeitpunkt kommt mein Freund Gerd (mit "d" am Ende) mit einer tollen Idee ins Spiel meines Lebens.

"Mudda macht´s."

Gerd besaß nicht nur eine funktionstüchtige Erika Schreibmaschine sondern auch eine ganz tolle Mutter. Sekretärin, stenografie- und schreibmaschinenkundig, geübt im Lesen von deftigsten Handschriften und bereit meine Geschichten lesbar auf Papier zu bringen.

Ein Glücksfall.

Mein von Stanisław Lems Romanen und dem 66-er TV-Straßenfeger "Raumpatrouille – Die phantastischen Abenteuer des Raumschiffes Orion" inspirierter erster Science-Fiction-Roman nahm Form an. Kumpels und andere Leser schmeichelten, während ich gar nicht so schnell schreiben konnte wie "Gerd's Mudda" tippte.

Bald waren mehr als fünfzig maschinenbeschriebene A4 Blätter fertig (inclusive zweier Kopien).


Geschichten, die das Leben schreibt, gehen manchmal anders aus als sich ein jugendlicher Romanautor ausdenken kann.


Dessau, Stadt der Fahrradfahrer, große Kleinstadt an Elbe und Mulde. Die Askanische Straße im Zentrum ist schmal, die Museumskreuzung eng. Fahrradfahrer, Autos und Straßenbahnen teilen sich je eine Fahrspur. (Erst Jahre später wird die zentrale Kreuzung neugestaltet.)

Ein Wochentag am frühen Nachmittag, Berufsverkehr.

Eine Straßenbahn der Linie Dessau-Süd - Hauptbahnhof fährt auf die Museumskreuzung zu. Auf den Gleisen warten Fahrradfahrer.

Die Bahn hinter ihnen wird an der Haltestelle nicht abgebremst.

Sekundenschlaf.

Als der Fahrer munter wird liegt eine Fahrradfahrerin unter der Straßenbahn.

Gerd's Mutter stirbt am Unfallort.


Als der Sarg in die Tiefen des Krematoriums herabgefahren wurde heulte nicht nur ich wie ein Schlosshund.

Gerd's Leben änderte ist drastisch.

Meine schriftstellerischen Ambitionen kamen zum Erliegen. Mein Buch blieb unvollendet, verschwand gänzlich und wurde zu meinem verschollenen Erstlingswerk.


Die Geschichte meines zweiten Buchs ist eine andere. Ich wurde gewaltsam auf das Thema gestoßen. Im April 2014 stellte ich meine Homepage online und begann mit der Materialsammlung. Deine Mutter schickte wenige Tage später einen Anwalt in die Spur und forderte die Löschung der Website binnen drei Tagen.

Seither sind viele Male 72 Stunden vergangen.

Sorgerechtapartheid.de verzeichnet beständig wachsende Zugriffszahlen.

Für schwierige Lesekost, wie es das Unehelichenrecht darstellt, ist das beachtlich.

Vor Kurzem habe ich Auslöschung veröffentlicht.

Das war ich mir und Dir schuldig.

Das Buch ist eine Essay-Sammlung. Parteilich, parteiich, politisch und nicht mainstreamkonform, weit davon entfernt in die Region von Bestsellern aufzusteigen.

Aber, es ist vollbracht.


Jetzt kann ich mich der Kür widmen.

Einiges liegt bereits fertig ausformuliert vor. Vielleicht wird nach dem unvollendeten und den Essays mein drittes Buch mein echtes Alterswerk.

Schau'n wir 'mal.

Zuvor möchte ich aber noch wissen, wie viel meiner leidenschaftlichen schmöker und schriftstellerischen Gene Du, mein Tochter, in Dir trägst.

In den weit zurückliegenden Jahren, als wir noch Zeit miteinander verbringen konnten, bist Du nicht als Plappermäulchen in Erscheinung getreten. Du konntest aber Geschichten und Erlebnisse wiedergeben.

Menschen sind verschieden.

Meine Enkelin Maggie schnattert ohne Pause. Ob sie die Kunst beherrschen wird, gesprochene Sprache und Gedachtes zu Papier zu bringen, zeigt die Zeit. In diesem Jahr wird sie eingeschult.

Erst denken und dann losplaudern oder erst twittern und dann denken?

Wie ist es bei Dir, Lisa?

Um die Frage zu beantworten stelle ich Dir heute eine Aufgabe.

Durchdenk' sie, stell' Dir eine Story vor oder schreib' sie auf!

Vielleicht können wir sie einmal austauschen.

Stell' Dir vor:

Du bist unterwegs und hast die große Stadt im Rücken.

Schnell geht es durch Alt-Blankenburg.

Auf der Sellheimbrücke schaust Du ins Karower Auenland.

Dann fix abgebogen nach steuerbord (rechts) und Du bist in de Straße 45, eine breite Straße die, wie alle anderen in diesem Teil von Alt-Karow, ohne Gehwege auskommt.

An der nächsten Kreuzung findest Du das Straßenschild "Straße 49".

Wieder nach rechts abbiegen und auf der linken Seite siehst Du ein freistehendes Haus mit einem weißen Zaun. Die Eingangstür ist von einem prächtigen Rosenbogen eingerahmt.

Am Zaun, neben den Briefkästen, befinden sich zwei Funkklingeln.

Du weißt, welche Klingel auf die Betätigung von Dir wartet.

Du hörst das Klingeln im Haus und das Anschlagen von Hunden.

Die Haustür wird geöffnet...


Nun, Lisa, wie geht es weiter?


Viele Grüße sendet

                           Dein Papa Bolle